Ist das der Kurs der Zukunft?

Letzte Nacht hatte ich einen ungemütlichen Traum: Ich hielt einen Kurs ab in einer riesigen fensterlosen Fabrikhalle. Nur oben unter der Decke ließen flache Luken etwas Licht und Luft herein.

Rund fünfhundert Kursteilnehmer saßen vor Ort an ihren Rechnern, die anderen tausenden überall auf der Welt. Da ich in ein Kragenmirko sprach, konnten mich alle auf ihren Headsets ganz klar hören, mein Gesicht erschien rechts oben in einem kleinen Fensterchen, meine Powerpointfolien wurden direkt auf ihre Bildschirme übertragen.

Auch die übliche Interaktion mit meinen Teilnehmern war möglich. Wenn ich Fragen in die Runde stellte, führten wir innerhalb von Sekunden eine anonyme Umfrage durch. Zur Gruppenarbeit schlossen sie sich in einem Chat zusammen und diskutierten schriftlich oder über IP-Telefonie die gestellte Übungsaufgabe. Zeichenaufgaben erledigten sie mit den Tools auf dem Computer und luden ihre Ergebnisse hoch, die dann von einer künstlichen Intelligenz in Echtzeit auf Richtigkeit bewertet wurden.

Da stellt sich nur noch die Frage, wozu in diesem Szenario ein menschlicher Dozent noch nötig ist. Man hätte mich genauso gut durch einen Avatar ersetzen können. Und wozu haben sich die fünfhundert Teilnehmer überhaupt in diesen stickigen Raum begeben, während sie zu Hause in gemütlicherer Athmosphäre genau dieselbe Show geboten bekommen? Und was mache ich eigentlich hier? Ich hätte meinen Text ja vorher schon im Studio aufnehmen können. Dann könnte der Kurs in alle Ewigkeit immer wieder neu stattfinden, sogar nachdem ich schon in Rente gegangen bin.

Aus Teilnehmersicht hat die Fabrikathmosphäre sicher ihren Vorteil, weil die heimische Ablenkung fehlt. Am besten schirmen wir das Ganze noch gegen das WLAN ab und die Computer gehen nicht ins Internet, sondern erlauben nur die für den Kurs vorgesehenen Software-Tools. Dann haben wir so eine Art Crashkurs-Retreat. Aber auch das könnten sie ohne Dozenten veranstalten. Ich kann ja sowieso nicht zu allen fünfhundert Teilnehmern gehen und ihnen Feedback geben oder ihre Fragen beantworten. Selbst wenn sie per Chat Fragen stellen können, würde ich vermutlich hoffnungslos geflutet. Da bräuchte ich Unterstützung durch einen Chatbot.

Muss ich mir jetzt einen anderen Beruf suchen? Werde ich demnächst durch Avatare und KIs ersetzt? Oder will das niemand?

Zum Glück sind wir ja immer noch Menschen und keine Roboter. Wenn Lernen durch soziale Interaktion erfolgt, wenn wir differenziertes und individuelles Feedback durch einen Experten benötigen, uns mit Menschen direkt austauschen wollen oder wenn wir nur denen glauben, denen wir in die Augen sehen können, dann brauchen wir in Zukunft immer noch Trainer. Ansonsten nicht.

Ich fürchte, das wird sich bald entscheiden, denn die Technologien, die einen Trainer ersetzen können, existieren schon.

Für das wahrscheinlichste Szenario halte ich die Art, wie ich auch meine Fortbildung organisiere: Tatsächlich erlauben mir Videoübertragungen von Vorträgen und MOOCs, an mehr Fortbildungen teilzunehmen als ich das sonst zeitlich unterbringen würde. Für Themen, für die ich mir nur einen groben Überblick verschaffen will, sind solche E-Learning-Aktivitäten auch völlig ausreichend. Aber wenn ich mich auf hohem Niveau fortbilden will, finde ich zu diesem Spezialthema nichts online, sondern begebe mich ganz klassisch in Workshop, auf Konferenzen, Seminare, Arbeitskreise, etc. Diese erfüllen dann auch den Zweck der Kontaktpflege, der oft sogar wichtiger ist als der Wissenstransfer. Bei Konferenzen sind inzwischen die Pausen wichtiger als die Vorträge, weil ich mir die Vorträge ja hinterher auch im Konferenzband durchlesen kann. In Zukunft kann ich mir vermutlich die Vorträge ebenfalls life oder als Konserve ansehen. Aber mit anderen Experten einen Kaffee zu trinken, eine Stadtbesichtigung zu machen, dabei Kooperationen anzuleiern, Erfahrungen auszutauschen oder neue Ideen gemeinsam zu entwickeln, das geht am besten noch in real life. U.a. deshalb, weil der Austausch von unfertigen Ideen und der Start einer Zusammenarbeit Vertrauenssache sind. Ich will den Leuten, denen ich vertraue, tatsächlich mal in die Augen sehen.

Konkret heißt das, dass man weniger Trainer für Trivialthemen benötigen wird, aber für Spezialthemen wird sich vermutlich schon finanziell die Erstellung von E-Learning-Kursen nicht unbedingt lohnen, weil die Zielgruppe zu klein ist. Kurse werden statt dem reinen Wissenstransfer ganz andere Funktionen haben, und das haben sie auch. Das lerne ich aus dem Feedback der Kursteilnehmer. Der Dozent muss mehr liefern als nur eine Art life vorgetragenes Lernvideo. Gefragt sind Interaktion, Methoden ausprobieren, individuelles Feedback erhalten, Erfahrungen austauschen - gerade auch solches, das vertraulich ist und man niemals übers Internet schriftlich verteilen würde -, sich mit anderen vernetzen.

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