Sonntag, 14. Januar 2018

E-Learning-Kurs für die Prüfungsvorbereitung IREB Foundation Level

Unseren E-Learning-Kurs zur Prüfungsvorbereitung auf die IREB Foundation Level Prüfung gibt es nun auch bei der Technischen Akademie Esslingen zu buchen:
https://www.tae.de/seminar/e-learning-requirements-engineering-wbt-80027/

Bei Fragen zum Kurs stehe ich gerne zur Verfügung.
Andrea Herrmann

PS: WBT steht für Web-Based Training

Mittwoch, 10. Januar 2018

Arbeitskreis Requirements Engineering und Lehre

Der Arbeitskreis existiert seit Anfang 2013. Unser Ziel ist ein Austausch zwischen
RE-Lehrenden aus Hochschule und Praxis, aber auch die Erarbeitung konkreter
Ergebnisse wie RE-Übungen, Trainingsmaterial, Fachartikel.
Was wir genau machen, bestimmen die Mitglieder!
Der Arbeitskreis war zuletzt ein wenig eingeschlafen und wir möchten ihn
nun wiederbeleben. Dies ist also ein guter Zeitpunkt für Neueinsteiger.
Bisher hatten wir alle zwei Monate per Skype telefoniert, diskutiert und
gemeinsame Projekte geplant. Wir haben insbesondere Best Practices
veröffentlicht, auf Konferenzen vorgetragen und Workshops organisiert.
Nähere Informationen finden Sie auf der Arbeitskreis-Webseite:
https://rg-stuttgart.gi.de/arbeitskreise/ak-requirements-engineering-und-lehre.html

Wenn Sie Interesse haben, beim Arbeitskreis mitzumachen, melden
Sie sich kurzfristig bei mir. Wir wollen demnächst den Termin der nächsten
Arbeitskreis-Telko erdoodeln.

Maschinenethik: Soll ein Auto einen Menschen töten?

Das Thema Maschinenethik hat mich in letzter Zeit sehr beschäftigt. Je mehr Maschinen und Computer autonom Entscheidungen treffen, umso relevanter wird dieses Thema ganz praktisch. Jetzt ist noch Zeit, um Entwicklungen aufzuhalten, die sich vielleicht nicht mehr rückgängig machen lassen.

Leider liest man in der Informatik zu diesem Thema immer wieder nur dieselbe, eine, und eigentlich irrelevante Frage: Soll ein selbstfahrendes Auto lieber ein Kind oder seine Großmutter totfahren, lieber einen Passanten töten oder seinen Passagier?

Diese Frage geht aus mehreren Gründen am eigentlichen Thema vorbei, kann aber gut als Aufhänger dienen, um die wirklich wichtigen Fragen zu diskutieren:

1.) Das richtige oder falsche Verhalten diskutiert die Menschheit ja nicht erst, seitdem es Software zu programmieren gilt. Gesetze regeln das Verhalten im Straßenverkehr und können durch die Art von Ratschlägen ergänzt werden, die Fahrlehrer ihren Schülern mit auf den Weg geben. Auch die Führerscheinprüfung codifiziert das korrekte Fahren. Eine künstliche Intelligenz, die dazu fähig ist, eine Führerscheinprüfung zu bestehen, hat zumindest den Theorieteil des Wissens verinnerlicht. Dort steht übrigens nichts davon, dass Kinder oder Großmütter tot gefahren werden sollen. Antworten, in denen steht "über den Haufen fahren" sind falsch. Das praktische Verhalten im Straßenverkehr könnte das autonome Fahrzeug von einem erfahrenen Fahrer erlernen, also abschauen. Neuronale Netze sind dazu in der Lage. Das einzige Lebewesen, das man laut unserem Fahrlehrer tot fahren darf und in manchen Situationen auch muss, sind Kleintiere, die nicht bis zur Stoßstange reichen, und auch nur dann, wenn ein Bremsen nicht möglich ist und schlimmeren Schaden anrichten würde. Beispielsweise macht es wenig Sinn, auf der Landstraße frontal in einen Laster zu rasen, nur um einer Maus das Leben zu retten. Da frei herumlaufende Menschen üblicherweise die Stoßstange überragen, sind sie bisher nicht zum Abschuss freigegeben. Warum sollte sich das mit der Einführung des selbstfahrenden Autos ändern?

2.) Vorausschauendes Fahren hat Priorität. Es kommt ohnehin nur sehr selten vor, dass ein Autofahrer vor der Entscheidung steht, den einen oder den anderen Menschen anzufahren. Ein selbstfahrendes Auto sollte solche Situationen vermeiden können. Dazu tragen bei: eine an die Sichtweite angepasste Geschwindigkeit und das frühzeitige Erkennen von Hindernissen und Risiken, beispielsweise spielender Kinder am Straßenrand. Jeder verantwortungsbewusste Autofahrer reduziert dann die Geschwindigkeit, und das erwarte ich auch vom selbstfahrenden Auto. Die schärferen und aufmerksameren Sinne der Sensoren vermeiden die häufigsten Unfallursachen, nämlich Unaufmerksamkeit und unangepasste Geschwindigkeit. Dies ist eine Chance. Das autonome Auto kommt also noch viel seltener in solch eine Entscheidungssituation als menschliche Fahrer.

3.) Die Fragestellung, ob man lieber den einen oder den anderen Menschen töten soll, setzt bereits ein bestimmtes Ethiksystem voraus, nämlich den Utilitarismus. Der Utilitarismus wägt Kosten und Nutzen gegeneinander ab, versucht Nutzen zu maximieren und Schäden zu minimieren, und muss zu diesem Zweck, analog wie eine Versicherung, allem seinen Preis zuweisen. Nur der Utilitarismus kommt auf die Idee, Menschenleben überhaupt gegeneinander abzuwägen. Im Utilitarismus macht es sogar Sinn, einen Menschen zu opfern, um eine teure Maschine zu retten. Andere Ethiksysteme sagen ganz klar: "Du sollst nicht töten." Dieser Unterschied im zugrundegelegten Ethiksystem wirkt sich natürlich auf die Programmierung aus! (Darum hatte ich auch mal die Idee, dass künstliche Intelligenz eine Art Ethikzertifikat bekommen sollte, oder in verschiedenen Ethikkonfigurationen ausgeliefert werden könnte - utilitaristisch, christlich oder nach Kant...). Natürlich kann auch eine strenge Ethikvorgabe nicht verhindern, dass plötzlich Menschen aus einem Busch direkt vor die Stoßstange eines 70 km/h schnellen Autos springen. Fahrer oder Maschine können dann das Bremsen noch so sehr wollen, aber die physikalische Massenträgheit wird das Fahrzeug trotz Vollbremsung in eine Kollision hinein schliddern lassen. Aus versicherungstechnischer Sicht (auch ein Ethiksystem!) trägt hier aber der überfahrene Fußgänger ganz klar eine große Mitverantwortung.

4.) Fehler sind menschlich. Tatsächlich verzeiht man einem menschlichen Fahrer. Wer noch nie unachtsam war, werfe den ersten Stein. Aber wir würden uns schwer tun damit, einem Programmierer zu verzeihen, dass er eine Maschine darauf programmiert hat, unseren Freund zu töten. Die fehlerfreie Programmierung komplexer Software ist mindestens so schwierig wie das fehlerfreie Autofahren und nur theoretisch möglich. Setzt man statt auf vorprogrammierte Regeln auf das Selbstlernen des autonomen Systems, dann verschiebt man die Verantwortung vom Programmierer auf den Trainer. Leider neigen selbstlernende Systeme dazu, auch Fehler des Trainers zu imitieren.

5.) Denken und Fühlen ist menschlich. Selbst wenn künstliche Intelligenz immer mehr Fähigkeiten des Menschen imitieren kann und eines Tages den Turing-Test bestehen würde, dann ändert dies nichts daran, dass die künstliche Intelligenz keine menschliche ist, sondern eben nur eine Imitation. Trotz ihrer Vorteile wie Geschwindigkeit, Objektivität und unglaublichem Gedächtnis, haben die Computer auch Nachteile. Gerade bezüglich ethischer Entscheidungen gereicht es ihnen zum Nachteil, dass sie keine Gefühle haben, denn ethisches Handeln setzt immer Empathie voraus. Als abschreckendes Beispiel denke man dabei an Psychopathen. Darum ist eigentlich auch die Frage falsch, wie wir künstliche Intelligenz dazu bringen, uns gekonnt zu imitieren und unsere Aufgaben zu übernehmen. Die wichtige ethische Frage lautet eher: "Welche Entscheidungen darf eine Maschine überhaupt treffen?" Dass Maschinen Wissen speichern, Empfehlungen machen oder Befehle ausführen, das unterstützt die menschliche Intelligenz. Aber dürfen wir Verantwortung in die Hände von Maschinen legen, die gar nicht verstehen können, was Verantwortung überhaupt bedeutet? Ein Team aus Mensch und Maschine kann Bestleistungen erbringen, die ein Mensch oder eine Maschine allein nie schaffen könnten. Nicht ohne Grund fliegen in Flugzeugen immer noch Piloten mit und der Flug wird nicht komplett dem Autopiloten überlassen. Genauso sollten wir Maschinen nicht über Krieg und Frieden oder über Menschenleben entscheiden lassen oder über ethische Fragen, weil sie diese gar nicht verstehen können. Der Mensch sollte der verantwortliche Entscheider bleiben, die Maschine nur sein Unterstützer.

Freitag, 5. Januar 2018

Software Engineering Newsletter von Herrmann & Ehrlich

Alles Gute für das Jahr 2018!
Ich hoffe, Sie sind alle gut reingekommen in das neue Jahr und 2018 wird traumhaft für Sie!

Kennen Sie schon unseren Software Engineering Newsletter?
Jeden Monat erhalten Sie per E-Mail Neuigkeiten, Ideen und Tipps aus dem Bereich des Software Engineering.
Im Dezember-Newsletter ging es beispielsweise um Kreativität im Requirements Engineering.

Sie können den Newsletter ganz leicht per E-Mail bei mir abonnieren und auch wieder abbestellen.
Eine formlose Nachricht an herrmann-ehrlich bei gmx.de genügt.
Andrea Herrmann

Samstag, 23. Dezember 2017

Leben: geschenkt oder gestohlen?

Und noch ein Spruch aus meinem Frauen-Kalender:
"Glaubt mir, die Welt wird euch nichts schenken.
Wenn ihr ein Leben wollt, so stehlt es."
Lou Andreas-Salomé

Montag, 18. Dezember 2017

call for participation: 7th Int. Workshop on Creativity in Requirements Engineering CreaRE’2018

call for participation: Seventh International Workshop on Creativity in Requirements Engineering (CreaRE’18) at REFSQ’18

Date: 19 March, 2018
Place: Utrecht, The Netherlands, at the REFSQ2018 conference
https://sites.google.com/site/creare2018
registration at: https://refsq.org/2018/event-information/registration/

*** Motivation ***
Where do great requirements come from? The development of a new IT system or the replacement or radical enhancement of an existing IT system provides the chance to gather innovative ideas, to make radical improvements, and to reinvent the work process. Creativity techniques help stakeholders identify delighter requirements which make the new system a real positive surprise. These delighters comprise innovative features.

Despite the importance of creativity to requirements engineering (RE), there are far more publications about survey techniques, document-centric techniques and observation techniques for RE, than there are about the use of creativity in RE. Many practical questions are still open, especially concerning the applicability and reliability of these techniques in different contexts or the completeness and post-processing of the requirements resulting from a creativity session.

*** Goals ***
The purpose of the CreaRE’18 workshop is to provide a forum for the exchange of ideas and experiences and research results. The participants will gather hands-on experiences in applying creativity techniques themselves.

*** Differences Between CreaRE’18 and Other Workshops ***
CreaRE’18 is different from most other workshops at REFSQ (and most other conferences), including all six previous CreaREs. Instead of being a forum for presenting and discussing accepted submitted research papers, it is focused on hands-on activities and mini tutorials about various specific creativity techniques that are used in RE, with an emphasis on their actual use.

*** The CreaRE 2018 agenda ***

09:00-10:00 Key note by Kurt Schneider, Leibniz University Hannover, Germany
10:00-10:30 Daniel M. Berry: Using Grounded Analysis to identify requirements
Coffee break
11:00-11:45 Joerg Doerr: RIL Rapid Innovation Lab
11:45-12:30 Ralf Laue: TRIZ, personas and goal models
Lunch break
14:00-14:30 Andrea Herrmann: SWOT analysis as a requirements elicitation method and for creativity support
14:30-15:00 Luisa Mich: Requirements elicitation as a creative process based on a multi-view-technique
15:00-15:30 Introduction to World Café topics
Coffee break
16:00-16:30 World Café, Round 1
16:30-17:00 World Café, Round 2
17:00-17:15 Presentation of World Café results
17:15-17:30 Closing discussion: The future of creativity in RE


*** Workshop organizers ***
Daniel M. Berry, School of Computer Science, University of Waterloo, Canada
Maya Daneva, University of Twente, The Netherlands
Eduard C. Groen, Fraunhofer IESE, Germany
Andrea Herrmann, Freelance trainer, Germany

Ist das der Kurs der Zukunft?

Letzte Nacht hatte ich einen ungemütlichen Traum: Ich hielt einen Kurs ab in einer riesigen fensterlosen Fabrikhalle. Nur oben unter der Decke ließen flache Luken etwas Licht und Luft herein.

Rund fünfhundert Kursteilnehmer saßen vor Ort an ihren Rechnern, die anderen tausenden überall auf der Welt. Da ich in ein Kragenmirko sprach, konnten mich alle auf ihren Headsets ganz klar hören, mein Gesicht erschien rechts oben in einem kleinen Fensterchen, meine Powerpointfolien wurden direkt auf ihre Bildschirme übertragen.

Auch die übliche Interaktion mit meinen Teilnehmern war möglich. Wenn ich Fragen in die Runde stellte, führten wir innerhalb von Sekunden eine anonyme Umfrage durch. Zur Gruppenarbeit schlossen sie sich in einem Chat zusammen und diskutierten schriftlich oder über IP-Telefonie die gestellte Übungsaufgabe. Zeichenaufgaben erledigten sie mit den Tools auf dem Computer und luden ihre Ergebnisse hoch, die dann von einer künstlichen Intelligenz in Echtzeit auf Richtigkeit bewertet wurden.

Da stellt sich nur noch die Frage, wozu in diesem Szenario ein menschlicher Dozent noch nötig ist. Man hätte mich genauso gut durch einen Avatar ersetzen können. Und wozu haben sich die fünfhundert Teilnehmer überhaupt in diesen stickigen Raum begeben, während sie zu Hause in gemütlicherer Athmosphäre genau dieselbe Show geboten bekommen? Und was mache ich eigentlich hier? Ich hätte meinen Text ja vorher schon im Studio aufnehmen können. Dann könnte der Kurs in alle Ewigkeit immer wieder neu stattfinden, sogar nachdem ich schon in Rente gegangen bin.

Aus Teilnehmersicht hat die Fabrikathmosphäre sicher ihren Vorteil, weil die heimische Ablenkung fehlt. Am besten schirmen wir das Ganze noch gegen das WLAN ab und die Computer gehen nicht ins Internet, sondern erlauben nur die für den Kurs vorgesehenen Software-Tools. Dann haben wir so eine Art Crashkurs-Retreat. Aber auch das könnten sie ohne Dozenten veranstalten. Ich kann ja sowieso nicht zu allen fünfhundert Teilnehmern gehen und ihnen Feedback geben oder ihre Fragen beantworten. Selbst wenn sie per Chat Fragen stellen können, würde ich vermutlich hoffnungslos geflutet. Da bräuchte ich Unterstützung durch einen Chatbot.

Muss ich mir jetzt einen anderen Beruf suchen? Werde ich demnächst durch Avatare und KIs ersetzt? Oder will das niemand?

Zum Glück sind wir ja immer noch Menschen und keine Roboter. Wenn Lernen durch soziale Interaktion erfolgt, wenn wir differenziertes und individuelles Feedback durch einen Experten benötigen, uns mit Menschen direkt austauschen wollen oder wenn wir nur denen glauben, denen wir in die Augen sehen können, dann brauchen wir in Zukunft immer noch Trainer. Ansonsten nicht.

Ich fürchte, das wird sich bald entscheiden, denn die Technologien, die einen Trainer ersetzen können, existieren schon.

Für das wahrscheinlichste Szenario halte ich die Art, wie ich auch meine Fortbildung organisiere: Tatsächlich erlauben mir Videoübertragungen von Vorträgen und MOOCs, an mehr Fortbildungen teilzunehmen als ich das sonst zeitlich unterbringen würde. Für Themen, für die ich mir nur einen groben Überblick verschaffen will, sind solche E-Learning-Aktivitäten auch völlig ausreichend. Aber wenn ich mich auf hohem Niveau fortbilden will, finde ich zu diesem Spezialthema nichts online, sondern begebe mich ganz klassisch in Workshop, auf Konferenzen, Seminare, Arbeitskreise, etc. Diese erfüllen dann auch den Zweck der Kontaktpflege, der oft sogar wichtiger ist als der Wissenstransfer. Bei Konferenzen sind inzwischen die Pausen wichtiger als die Vorträge, weil ich mir die Vorträge ja hinterher auch im Konferenzband durchlesen kann. In Zukunft kann ich mir vermutlich die Vorträge ebenfalls life oder als Konserve ansehen. Aber mit anderen Experten einen Kaffee zu trinken, eine Stadtbesichtigung zu machen, dabei Kooperationen anzuleiern, Erfahrungen auszutauschen oder neue Ideen gemeinsam zu entwickeln, das geht am besten noch in real life. U.a. deshalb, weil der Austausch von unfertigen Ideen und der Start einer Zusammenarbeit Vertrauenssache sind. Ich will den Leuten, denen ich vertraue, tatsächlich mal in die Augen sehen.

Konkret heißt das, dass man weniger Trainer für Trivialthemen benötigen wird, aber für Spezialthemen wird sich vermutlich schon finanziell die Erstellung von E-Learning-Kursen nicht unbedingt lohnen, weil die Zielgruppe zu klein ist. Kurse werden statt dem reinen Wissenstransfer ganz andere Funktionen haben, und das haben sie auch. Das lerne ich aus dem Feedback der Kursteilnehmer. Der Dozent muss mehr liefern als nur eine Art life vorgetragenes Lernvideo. Gefragt sind Interaktion, Methoden ausprobieren, individuelles Feedback erhalten, Erfahrungen austauschen - gerade auch solches, das vertraulich ist und man niemals übers Internet schriftlich verteilen würde -, sich mit anderen vernetzen.

Samstag, 2. Dezember 2017

Die SWOT-Analyse als Kreativitätstechnik für die Erfindung von innovativen Anforderungen

Manchmal muss ich für meine eigenen Produkte Anforderungen finden, und zwar innovative. Das gilt vor allem für solche, die sich bisher nicht gut verkauft haben, obwohl die Idee eigentlich prima ist. Die inkrementelle, aber kreative Verbesserung eines existierenden Produktes steht also an.

Am 23. und 24. November fand in Kaiserslautern das Treffen der Fachgruppe Requirements Engineering in der Gesellschaft für Informatik statt,
http://fg-re.gi.de/treffen/treffen-2017.html

Dessen Titel lautete "Die SWOT-Analyse als Kreativitätstechnik für die Erfindung von innovativen Anforderungen". Die SWOT-Analyse hat sich beim Experimentieren als erstaunlich nützlich erwiesen, obwohl sie nicht wirklich im engeren Sinne eine Kreativitätstechnik ist. Aber sie kombiniert verschiedene Sichten und regt dazu neue Ideen an.

Man unterscheidet vier Arten von Kreativitätstechniken:
  • Techniken der freien Assoziation wie Brainstorming oder Mindmapping.
  • Techniken der strukturierten Assoziation wie Denkstühle oder Denkhüte oder andere Techniken des Perspektivenwechsels
  • Konfrontationstechniken wie die Reizwortanalyse
  • Konfigurationstechniken wie Morphologische Matrix und die Osborn-Checkliste
Meine Erfahrungen damit waren:
  • freie Assoziation: Alleine durchgeführt, kommt man damit auf gar keine neuen Ideen, sondern nur auf die, die man schon hatte. Die optimale Gruppengröße für die
  • freie Assoziation ist eine Gruppe von zwei Personen.
  • strukturierte Assoziation: Diese findet viele Schwachstellen des Produkts, aber die einfachste Schlussfolgerung daraus wäre, ein anderes Produkt zu entwickeln.
  • Konfrontationstechniken und Konfigurationstechniken führen zu wirklich neuen Ideen.
Was sich am besten bewährt hat und ich seit Jahren nun routinemäßig für die Verbesserung von Produkten einsetze, ist die SWOT-Analyse. Damit erziele ich stets zuverlässig ganz konkrete neue Ideen. Diese Methode stammt aus dem Wissensbereich „Strategische Planung“ und dient der Ist-Analyse und Verbesserung eines Geschäftsmodells, Unternehmens, Produkts oder einer Dienstleistung.

Einerseits analysiert man die Stärken und Schwächen des aktuellen Produkts.
Andererseits die Chancen und Bedrohungen im Umfeld, z.B. auf dem Markt.
Diese trägt man dann in eine Matrix ein und stellt sich vier Fragen:
  • Stärken und Chancen: Welche Stärken passen zu welchen Chancen? Haben wir die Stärken, um die Chancen zu nutzen?
  • Stärken und Bedrohungen: Haben wir die Stärken, um Risiken zu bewältigen? Wie können welche Stärken eingesetzt werden, um bestimmte Gefahren abzuwenden?
  • Schwächen und Chancen: Welche Chancen verpassen wir wegen unseren Schwächen? Wo können aus Schwächen Chancen entstehen?
  • Schwächen und Bedrohungen: Welchen Risiken sind wir wegen unserer Schwächen ausgesetzt? Wo befinden sich unsere Schwächen und wie können wir uns vor Schaden schützen?
Nach der SWOT-Analyse gilt es, noch folgende Schritte zu durchlaufen:
  • Ideen bewerten
  • Ideen konkretisieren und weiterentwickeln
  • Aufgaben ableiten
  • Aufgaben in sinnvolle Reihenfolge bringen
  • Aufgaben in Planung / Zeitmanagement integrieren
Meine Erfahrungen mit der SWOT-Analyse sind:
Sie macht am meisten Sinn für existierendes Produkt, weil hier die Stärken und Schwächen aus der Anwendung und durch Rückmeldung von Benutzern schon bekannt sind. Diese sind eher schwierig vorherzusehen.
Die SWOT-Analyse ist allein oder in der Gruppe anwendbar, was nicht für alle Kreativitätstechniken gilt.
Die SWOT-Analyse funktioniert auch asynchron, z.B. per E-Mail.

Ich warf dann noch die Überlegung in den Raum, auch andere Methoden aus dem Innovationsmanagement für die kreative Entwicklung von Anforderungen zu verwenden, beispielsweise die Innovationsstrategie-Matrix nach Geschka oder die Szenario-Technik.

Außerdem stellte ich noch diese drei Hypothesen über Kreativität im Requirements Engineering in den Raum:
  • Ob inkrementelle oder radikale Innovation, das macht einen Unterschied bei der Wahl der richtigen Kreativitätstechnik. Im RE wird dieser Unterschied bisher nicht diskutiert.
  • Kreative Übungen im RE dürfen ruhig stark gerichtet sein, insbesondere wenn es darum geht, eine inkrementelle Verbesserung eines existierenden Produktes zu entwickeln.
  • Nützliche kreative Ideen sind oft eher inkrementell und gar nicht unbedingt radikal.

Freitag, 1. Dezember 2017

Jetzt anmelden: 9. meccanica feminale 2018, 27.02 - 03.03.2018, Hochschule Furtwangen

Einladung zur 9. meccanica feminale 2018, Frühjahrshochschule für Ingenieurinnen (27.02.-03.03.2018)

Ort: Hochschule Furtwangen, Campus Schwenningen

Im Frühling findet wieder die Ingenieurinnen-Frühjahrshochschule statt (nur für Frauen).
Die meccanica feminale ist die Frühjahrshochschule für Studentinnen und interessierte berufstätige Fachfrauen aus dem Bereich Maschinenbau, Elektrotechnik und verwandten Fachrichtungen. Sie wird von Dienstag, 27. Februar – Samstag, 03. März 2018 an der Hochschule Furtwangen, Campus Schwenningen stattfinden.

Die meccanica feminale wird geplant und organisiert vom Netzwerk Frauen.Innovation.Technik im Auftrag des Ministeriums für Wissenschaft, Forschung und Kunst Baden-Württemberg. Ziel ist es, Frauen der Fachgebiete Maschinenbau und Elektrotechnik zu unterstützen und ihnen eine Plattform der Kommunikation und des fachlichen und persönlichen Austausches zu bieten.

Ich halte dort den Kurs "Wissen, Entscheidungen und künstliche Intelligenz" am 27.02.–01.03.2018.

Die Anmeldung zum Kurs sind über die Webseite www.meccanica-feminale.de möglich. Die Teilnahmegebühr für Berufstätige beträgt 200 Euro pro Halbwochenkurs, für Studentinnen 35 Euro pro Halbwochenkurs.

Donnerstag, 30. November 2017

einfach machen: Zeitmanagement ist doch gar nicht kompliziert!

Zeitmanagement ist doch gar nicht kompliziert. Warum müssen die Leute so viele Pläne erstellen und Analysen durchführen, bevor sie sich entscheiden, ihre Arbeit tatsächlich zu erledigen?

Gerade habe ich mal wieder einen Artikel gelesen, in dem für jede Aufgabe diverse Attribute bewertet werden sollten, nämlich Aufwand und Nutzen, Dringlichkeit und Wichtigkeit. Am besten trägt man alle seine anstehenden Aufgaben in eine Liste, eine Matrix, einen Kalender und zusätzlich noch in eine textuelle und grafische Planung des Tages. Hallo? Nach dem Pareto-Prinzip können wir 80% der Aufgaben in 20% der Zeit erledigen. Das heißt auch, dass viele Aufgaben für die Erledigung weniger Zeit brauchen als für eine so umfangreiche Planung nötig ist.

Darum: Einfach machen! Bei mir umfassen diese schnell erledigten Aufgaben tatsächlich exakt 20% der Arbeitszeit. Ich reserviere einfach zwei Stunden des Tages dafür, diesen Kleinkram zu erledigen und weg ist er. Dafür schreibe ich ihn nicht mal auf meine Listen, außer es ist etwas, das aus konkreten Gründen nur an einem bestimmten Tag erledigt werden kann, wie das Versenden einer Erinnerungs-E-Mail. Würde ich diese Aufgaben so gründlich durchplanen, wie das klassische Zeitmanagement verlangt, würde ich den Aufwand für diese Aufgaben auf 4 Stunden pro Tag erhöhen. Sinnlose Zeitverschwendung! Zeitmanagement soll Zeit einparen!

Auch für die restlichen 20% der Aufgaben lohnt sich eine so umfangreiche Analyse nicht. Ich mache es da ganz simpel: Während der Arbeitszeit arbeite ich. Jede zu erledigende Aufgabe steht auf genau einer einzigen Liste. (Hier könnte ich weiter ausholen und mein Farbschema für die Aufgaben erklären, aber das führt zu weit.) Dank der Listen habe ich einen Überblick über meine große Auswahl an zu erledigenden Aufgaben. Ich nehme mir an einem Home Office Tag 4-6 Projekte vor, an denen ich jeweils ein bis zwei Stunden arbeite. Zusammen mit den 2 Stunden Kleinkram ist damit der Tag schon voll verplant. Die Reihenfolge der Aufgaben lege ich dann spontan nach Lust und Laune fest. Klar ist sowieso, dass ich am Ende an allen Projekten gearbeitet haben werde.

Wozu man eine Pomodoro-Küchenuhr braucht, um sich zu konzentrieren, wird sich mir wohl nicht erschließen. Wenn die Arbeit Spaß oder zumindest Sinn macht, kommt die Konzentration ganz von selbst. Wer sich auf die Arbeit nicht konzentrieren "kann" (vermutlich eher "mag"), sollte lieber mal die Gründe analysieren. Vielleicht sind es die falschen Aufgaben, die falsche Motivation, der falsche Beruf oder die falsche Firma. Auch private Sorgen können von der Arbeit ablenken, aber andererseits kann eine erfüllende Arbeit auch von den privaten Sorgen ablenken. So herum funktioniert es jedenfalls bei mir.

Was das Prioritätensetzen angeht, sind die Zuhörer/innen meiner Vorträge und Schulungen immer verblüfft, wenn ich ihnen ganz klar sage, die Prioritätensetzung würde in der Zeitmanagementliteratur überbewertet. Unsere Prioritäten kommen doch sowieso vom Kunden oder vom Chef. Und wenn ein Chef gut ist, weiß er zu verhindern, dass seine Mitarbeiter ihre Prioritäten anders setzen als er. Als Selbständige kann ich natürlich selbst priorisieren, aber nur vor der Vertragsunterzeichnung. Nachdem ich mich zu einer Arbeit verpflichtet habe, wird sie natürlich auch gemacht. Ich bewerte alle meine Projekte als gleich wichtig. Die Reihenfolge der Bearbeitung ergibt sich aus der Dringlichkeit.

Natürlich setze ich nicht alle Ideen um und nehme nicht jeden Auftrag an. Die Priorisierung nach wichtig und unwichtig findet aber nur dort statt. Unwichtige Projekte fange ich gar nicht erst an, wenn ich dafür keine Zeit habe.

Natürlich muss man unter Überlast auch mal eine Arbeit niedriger priorisieren, aber was heißt das? Dass ich eine Abgabefristverlängerung aushandle, um die Aufgabe trotzdem ordentlich ausführen zu können, oder sie wird weniger gründlich bearbeitet als ich mir das gewünscht hätte. Am Aufwand lässt sich durchaus noch drehen, finde ich aber schade.

Vielleicht entsteht meine hohe Motivation und Konzentration genau daraus, dass ich meine Projekte nicht nach Wichtigkeit priorisiere. Wenn man erstmal anfängt, seine Arbeit systematisch abzuwerten, wo soll dann noch die Motivation herkommen?

So, und jetzt wieder ans Werk...

Andrea Herrmann

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