Samstag, 2. Dezember 2017

Die SWOT-Analyse als Kreativitätstechnik für die Erfindung von innovativen Anforderungen

Manchmal muss ich für meine eigenen Produkte Anforderungen finden, und zwar innovative. Das gilt vor allem für solche, die sich bisher nicht gut verkauft haben, obwohl die Idee eigentlich prima ist. Die inkrementelle, aber kreative Verbesserung eines existierenden Produktes steht also an.

Am 23. und 24. November fand in Kaiserslautern das Treffen der Fachgruppe Requirements Engineering in der Gesellschaft für Informatik statt,
http://fg-re.gi.de/treffen/treffen-2017.html

Dessen Titel lautete "Die SWOT-Analyse als Kreativitätstechnik für die Erfindung von innovativen Anforderungen". Die SWOT-Analyse hat sich beim Experimentieren als erstaunlich nützlich erwiesen, obwohl sie nicht wirklich im engeren Sinne eine Kreativitätstechnik ist. Aber sie kombiniert verschiedene Sichten und regt dazu neue Ideen an.

Man unterscheidet vier Arten von Kreativitätstechniken:
  • Techniken der freien Assoziation wie Brainstorming oder Mindmapping.
  • Techniken der strukturierten Assoziation wie Denkstühle oder Denkhüte oder andere Techniken des Perspektivenwechsels
  • Konfrontationstechniken wie die Reizwortanalyse
  • Konfigurationstechniken wie Morphologische Matrix und die Osborn-Checkliste
Meine Erfahrungen damit waren:
  • freie Assoziation: Alleine durchgeführt, kommt man damit auf gar keine neuen Ideen, sondern nur auf die, die man schon hatte. Die optimale Gruppengröße für die
  • freie Assoziation ist eine Gruppe von zwei Personen.
  • strukturierte Assoziation: Diese findet viele Schwachstellen des Produkts, aber die einfachste Schlussfolgerung daraus wäre, ein anderes Produkt zu entwickeln.
  • Konfrontationstechniken und Konfigurationstechniken führen zu wirklich neuen Ideen.
Was sich am besten bewährt hat und ich seit Jahren nun routinemäßig für die Verbesserung von Produkten einsetze, ist die SWOT-Analyse. Damit erziele ich stets zuverlässig ganz konkrete neue Ideen. Diese Methode stammt aus dem Wissensbereich „Strategische Planung“ und dient der Ist-Analyse und Verbesserung eines Geschäftsmodells, Unternehmens, Produkts oder einer Dienstleistung.

Einerseits analysiert man die Stärken und Schwächen des aktuellen Produkts.
Andererseits die Chancen und Bedrohungen im Umfeld, z.B. auf dem Markt.
Diese trägt man dann in eine Matrix ein und stellt sich vier Fragen:
  • Stärken und Chancen: Welche Stärken passen zu welchen Chancen? Haben wir die Stärken, um die Chancen zu nutzen?
  • Stärken und Bedrohungen: Haben wir die Stärken, um Risiken zu bewältigen? Wie können welche Stärken eingesetzt werden, um bestimmte Gefahren abzuwenden?
  • Schwächen und Chancen: Welche Chancen verpassen wir wegen unseren Schwächen? Wo können aus Schwächen Chancen entstehen?
  • Schwächen und Bedrohungen: Welchen Risiken sind wir wegen unserer Schwächen ausgesetzt? Wo befinden sich unsere Schwächen und wie können wir uns vor Schaden schützen?
Nach der SWOT-Analyse gilt es, noch folgende Schritte zu durchlaufen:
  • Ideen bewerten
  • Ideen konkretisieren und weiterentwickeln
  • Aufgaben ableiten
  • Aufgaben in sinnvolle Reihenfolge bringen
  • Aufgaben in Planung / Zeitmanagement integrieren
Meine Erfahrungen mit der SWOT-Analyse sind:
Sie macht am meisten Sinn für existierendes Produkt, weil hier die Stärken und Schwächen aus der Anwendung und durch Rückmeldung von Benutzern schon bekannt sind. Diese sind eher schwierig vorherzusehen.
Die SWOT-Analyse ist allein oder in der Gruppe anwendbar, was nicht für alle Kreativitätstechniken gilt.
Die SWOT-Analyse funktioniert auch asynchron, z.B. per E-Mail.

Ich warf dann noch die Überlegung in den Raum, auch andere Methoden aus dem Innovationsmanagement für die kreative Entwicklung von Anforderungen zu verwenden, beispielsweise die Innovationsstrategie-Matrix nach Geschka oder die Szenario-Technik.

Außerdem stellte ich noch diese drei Hypothesen über Kreativität im Requirements Engineering in den Raum:
  • Ob inkrementelle oder radikale Innovation, das macht einen Unterschied bei der Wahl der richtigen Kreativitätstechnik. Im RE wird dieser Unterschied bisher nicht diskutiert.
  • Kreative Übungen im RE dürfen ruhig stark gerichtet sein, insbesondere wenn es darum geht, eine inkrementelle Verbesserung eines existierenden Produktes zu entwickeln.
  • Nützliche kreative Ideen sind oft eher inkrementell und gar nicht unbedingt radikal.

Freitag, 1. Dezember 2017

Jetzt anmelden: 9. meccanica feminale 2018, 27.02 - 03.03.2018, Hochschule Furtwangen

Einladung zur 9. meccanica feminale 2018, Frühjahrshochschule für Ingenieurinnen (27.02.-03.03.2018)

Ort: Hochschule Furtwangen, Campus Schwenningen

Im Frühling findet wieder die Ingenieurinnen-Frühjahrshochschule statt (nur für Frauen).
Die meccanica feminale ist die Frühjahrshochschule für Studentinnen und interessierte berufstätige Fachfrauen aus dem Bereich Maschinenbau, Elektrotechnik und verwandten Fachrichtungen. Sie wird von Dienstag, 27. Februar – Samstag, 03. März 2018 an der Hochschule Furtwangen, Campus Schwenningen stattfinden.

Die meccanica feminale wird geplant und organisiert vom Netzwerk Frauen.Innovation.Technik im Auftrag des Ministeriums für Wissenschaft, Forschung und Kunst Baden-Württemberg. Ziel ist es, Frauen der Fachgebiete Maschinenbau und Elektrotechnik zu unterstützen und ihnen eine Plattform der Kommunikation und des fachlichen und persönlichen Austausches zu bieten.

Ich halte dort den Kurs "Wissen, Entscheidungen und künstliche Intelligenz" am 27.02.–01.03.2018.

Die Anmeldung zum Kurs sind über die Webseite www.meccanica-feminale.de möglich. Die Teilnahmegebühr für Berufstätige beträgt 200 Euro pro Halbwochenkurs, für Studentinnen 35 Euro pro Halbwochenkurs.

Donnerstag, 30. November 2017

einfach machen: Zeitmanagement ist doch gar nicht kompliziert!

Zeitmanagement ist doch gar nicht kompliziert. Warum müssen die Leute so viele Pläne erstellen und Analysen durchführen, bevor sie sich entscheiden, ihre Arbeit tatsächlich zu erledigen?

Gerade habe ich mal wieder einen Artikel gelesen, in dem für jede Aufgabe diverse Attribute bewertet werden sollten, nämlich Aufwand und Nutzen, Dringlichkeit und Wichtigkeit. Am besten trägt man alle seine anstehenden Aufgaben in eine Liste, eine Matrix, einen Kalender und zusätzlich noch in eine textuelle und grafische Planung des Tages. Hallo? Nach dem Pareto-Prinzip können wir 80% der Aufgaben in 20% der Zeit erledigen. Das heißt auch, dass viele Aufgaben für die Erledigung weniger Zeit brauchen als für eine so umfangreiche Planung nötig ist.

Darum: Einfach machen! Bei mir umfassen diese schnell erledigten Aufgaben tatsächlich exakt 20% der Arbeitszeit. Ich reserviere einfach zwei Stunden des Tages dafür, diesen Kleinkram zu erledigen und weg ist er. Dafür schreibe ich ihn nicht mal auf meine Listen, außer es ist etwas, das aus konkreten Gründen nur an einem bestimmten Tag erledigt werden kann, wie das Versenden einer Erinnerungs-E-Mail. Würde ich diese Aufgaben so gründlich durchplanen, wie das klassische Zeitmanagement verlangt, würde ich den Aufwand für diese Aufgaben auf 4 Stunden pro Tag erhöhen. Sinnlose Zeitverschwendung! Zeitmanagement soll Zeit einparen!

Auch für die restlichen 20% der Aufgaben lohnt sich eine so umfangreiche Analyse nicht. Ich mache es da ganz simpel: Während der Arbeitszeit arbeite ich. Jede zu erledigende Aufgabe steht auf genau einer einzigen Liste. (Hier könnte ich weiter ausholen und mein Farbschema für die Aufgaben erklären, aber das führt zu weit.) Dank der Listen habe ich einen Überblick über meine große Auswahl an zu erledigenden Aufgaben. Ich nehme mir an einem Home Office Tag 4-6 Projekte vor, an denen ich jeweils ein bis zwei Stunden arbeite. Zusammen mit den 2 Stunden Kleinkram ist damit der Tag schon voll verplant. Die Reihenfolge der Aufgaben lege ich dann spontan nach Lust und Laune fest. Klar ist sowieso, dass ich am Ende an allen Projekten gearbeitet haben werde.

Wozu man eine Pomodoro-Küchenuhr braucht, um sich zu konzentrieren, wird sich mir wohl nicht erschließen. Wenn die Arbeit Spaß oder zumindest Sinn macht, kommt die Konzentration ganz von selbst. Wer sich auf die Arbeit nicht konzentrieren "kann" (vermutlich eher "mag"), sollte lieber mal die Gründe analysieren. Vielleicht sind es die falschen Aufgaben, die falsche Motivation, der falsche Beruf oder die falsche Firma. Auch private Sorgen können von der Arbeit ablenken, aber andererseits kann eine erfüllende Arbeit auch von den privaten Sorgen ablenken. So herum funktioniert es jedenfalls bei mir.

Was das Prioritätensetzen angeht, sind die Zuhörer/innen meiner Vorträge und Schulungen immer verblüfft, wenn ich ihnen ganz klar sage, die Prioritätensetzung würde in der Zeitmanagementliteratur überbewertet. Unsere Prioritäten kommen doch sowieso vom Kunden oder vom Chef. Und wenn ein Chef gut ist, weiß er zu verhindern, dass seine Mitarbeiter ihre Prioritäten anders setzen als er. Als Selbständige kann ich natürlich selbst priorisieren, aber nur vor der Vertragsunterzeichnung. Nachdem ich mich zu einer Arbeit verpflichtet habe, wird sie natürlich auch gemacht. Ich bewerte alle meine Projekte als gleich wichtig. Die Reihenfolge der Bearbeitung ergibt sich aus der Dringlichkeit.

Natürlich setze ich nicht alle Ideen um und nehme nicht jeden Auftrag an. Die Priorisierung nach wichtig und unwichtig findet aber nur dort statt. Unwichtige Projekte fange ich gar nicht erst an, wenn ich dafür keine Zeit habe.

Natürlich muss man unter Überlast auch mal eine Arbeit niedriger priorisieren, aber was heißt das? Dass ich eine Abgabefristverlängerung aushandle, um die Aufgabe trotzdem ordentlich ausführen zu können, oder sie wird weniger gründlich bearbeitet als ich mir das gewünscht hätte. Am Aufwand lässt sich durchaus noch drehen, finde ich aber schade.

Vielleicht entsteht meine hohe Motivation und Konzentration genau daraus, dass ich meine Projekte nicht nach Wichtigkeit priorisiere. Wenn man erstmal anfängt, seine Arbeit systematisch abzuwerten, wo soll dann noch die Motivation herkommen?

So, und jetzt wieder ans Werk...

Andrea Herrmann

Freitag, 24. November 2017

IREB-Expert Level

Das IREB hat nun die oberste Stufe seiner Zertifizierungs-Pyramide, das Expert Level, veröffentlicht: https://www.ireb.org/en/cpre/expert/

Dienstag, 14. November 2017

Von der schwierigen Scrum-Einführung zum ScrumAnd

Im Online-Special der Zeitschrift Objektspektrum erschien ein Artikel von mir über ScrumAnds und ScrumButs und die Entwicklung eines eigenen Vorgehensmodells. Den Artikel können Sie hier online lesen.
Andrea Herrmann

Montag, 23. Oktober 2017

Inspektion von Anforderungen: Tutorial auf der SQD-Konferenz am 16.01.2018

Die Inspektion, Bewertung und das Vorschlagen von Verbesserungen für Lastenhefte, Anforderungen und Modelle gehört zu meiner täglichen Arbeit. Meine Erfahrungen damit gebe ich am 16. Januar 2018 auf der SQD-Konferenz in einem Tutorial weiter:
https://2018.software-quality-days.com/konferenz/programm/

Mittwoch, 11. Oktober 2017

Zeitmanagement versus Projektmanagement

Heute erschien im Solcom-Blog mein Artikel über den Unterschied zwischen Zeitmanagement und Projektmanagement. Beide sind eng miteinander verknüpft, indem sie beide das Ziel haben, dass die zu erledigende Arbeit pünktlich und im Budget fertig wird. Sie nehmen dabei jedoch jeweils eine andere Perspektive ein.

Freitag, 6. Oktober 2017

Workshop über Maschinenethik auf der SQD-Konferenz

Im Januar werden wir das Thema Maschinenethik in minem SQD-Workshop vertiefen und
Requirements Engineering Methoden anwenden, um Ethik-Anforderungen
zu modellieren:
https://2018.software-quality-days.com/konferenz/programm/

Was ist ethische Software? Wann handelt ein Roboter, eine künstliche Intelligenz oder ein selbstfahrendes Auto ethisch bzw. unethisch? Wie lassen sich diese Anforderungen ermitteln und beschreiben?

Nach einer Einführung in die Maschinenethik und in verschiedene Ansätze der Ethik-Implementierung (insbesondere regelbasiert versus selbstlernend) und einer Einführung in passende Requirements Engineering-Techniken konkretisieren wir in Gruppenarbeit für verschiedene Beispiele die Ethik-Anforderungen und deren Testfälle.

Damit geht dieser Workshop über die üblichen allgemeinphilosophischen Diskussionen hinaus und zeigt so die Herausforderungen, aber auch Lösungen auf.

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