Sonntag, 28. Januar 2018

Buchbesprechung: Timothy Ferriss: "Die 4-Stunden-Woche"

Nur vier Stunden pro Woche arbeiten, aber 40.000€ Einkommen pro Monat? Das hätte jeder gerne! Da von nichts auch nichts kommt, funktioniert das nur, wenn man erstens eine gute Geschäftsidee hat und zweitens Mitarbeiter, die das Geld erwirtschaften, aber die Arbeit im Wesentlichen alleine erledigen. Währenddessen jettet der Chef durch die Welt, fröhnt seinen Hobbies, profitiert von günstigen Wechselkursen und schreibt schlaue Bücher darüber, wie man glücklich wird, nachdem man ganz viel Geld verdient hat.

Natürlich hat Timothy Ferriss in "Die 4-Stunden-Woche: Mehr Zeit, mehr Geld, mehr Leben" in ein paar Punkten Recht: Weniger ist mehr, man braucht nicht viel Geld, um glücklich zu sein und moderne Technologien machen es uns leicht, auch an schönen Orten zu arbeiten. Auch das Pareto-Prinzip stimmt mit meinen Messungen überein: Es sind tatsächlich nur 20% von allem dringend oder wichtig. Hier hört dann meine Zustimmung leider schon auf.

Natürlich weiß ich, dass man in einer Zeit der Marktschreier und Wunderheiler nur dann ein Buch zum Bestseller macht, wenn man behauptet, nach der Lektüre seien Glück ohne Schatten, Erfolg ohne Leistung oder andere Wunder garantiert. Erfolg ist aber nicht einfach. Üblicherweise benötigt man dafür eine Mischung aus harter Arbeit, Kompetenz, Erfahrung und günstigem Zufall. In diesem Buch liest man, dass aber auch Betrug zum Erfolg führt.

Sehr gerne und erfolgreich vermitteln Lebenshilfe-Bestseller den Eindruck, jeder könne dank dieses Buchs erfolgreich und fast ohne zu arbeiten reich werden. Ferriss bezeichnet Erfolg als wiederholbar und planbar. Man braucht nur eine gute Idee und muss anschließend alles richtig machen. Beispielsweise ein Produkt zum Zehnfachen des Einkaufspreises verkaufen, und das über Jahre hinweg. Dabei war bei ihm selbst auch nicht alles erfolgreich, und kam hat er es ein Mal geschafft, macht er gleich eine Regel draus. Das ist natürlich nicht wissenschaftlich.

Und nun sucht jeder Student krampfhaft nach einer Geschäftsidee, mit der er über Nacht reich wird, ohne arbeiten zu müssen. Man setzt eine - zumeist schlecht gemachte - Webseite auf und wartet auf Kunden. Ein bisschen telefonieren muss man vielleicht noch. Den Studenten sei diese Naivität verziehen. Man wird ja wohl noch träumen dürfen. Und in Einzelfällen klappt es tatsächlich. Viele Ideen sind aber von Anfang an unrealistisch. Eine Bekannte von mir wollte beispielsweise Handytaschen nähen und über das Internet für 150€ verkaufen, weil das angeblich ein "taschengeldkompatibler Preis" sei. Über Monate hinweg fand sie jedoch keine Zeit, um auch nur eine einzige Tasche zu nähen. Tja, so wird das nichts mit dem Reichtum!

Leider suchen auch viele gestandene Menschen das leichte Einkommen. Das kann doch gar nicht klappen. Unser Einkommen muss doch irgendwie dem Mehrwert entsprechen, den wir erarbeiten. Das Problem dabei ist nicht, dass die Glückssucher hart arbeiten und Arbeitszeit in den Sand setzen, sondern oft lassen sie sich dazu bequatschen, vier- oder sogar fünfstellige Beträge zu investieren in dubiose Fortbildungen oder unterstützende Dienstleistungen (z.B. Webseiten-Entwicklung), die ihnen ein leichtes Einkommen versprechen. Ihre unrealistischen Träume werden so von Geschäftemachern gnadenlos ausgenutzt. Und solche Bücher bereiten dem Betrug den Weg.

Seitdem ich die 4-Stunden-Woche gelesen habe, juckt es mich in den Fingern, ein Buch mit dem Titel "Die 80-Stunden-Woche und Spaß dabei" zu schreiben. Wird aber vermutlich kein Bestseller. Arbeit gilt ja als etwas Schlimmes, das es unbedingt zu vermeiden gilt. Aber was soll denn aus unserer Welt werden, wenn alle nur passives Einkommen suchen? Man mag es sich gar nicht vorstellen. Dabei kann Arbeit auch Spaß machen. Oder man kann sein Hobby so ernsthaft betreiben, dass es als Arbeit gelten kann. Oder seinen Job lieben wie ein Hobby.

Und jetzt mal im Ernst: Kennen Sie das nicht auch, dass Leute, die in ihrem Job ständig unglücklich sind, den Urlaub auch nicht genießen können? Auch dort finden sie alles doof. Sie wären auch als untätige Millionäre unglücklich. Ihre Arbeit, der Chef und die Kunden sind daran gar nicht alleine schuld.

Besonders traurig finde ich, dass solche Machwerke echte, produktive Arbeit herabsetzen und damit auch diejenigen, die unsere Brötchen backen, Kartoffeln anbauen oder das Internet am Laufen halten. Mit echter Arbeit wird ja auch keiner reich, habe ich festgestellt. Verkaufen, Betrügen und andere Heißluftgeschäfte lohnen sich viel mehr.

Ein wenig schmunzeln musste ich bei dem Tipp, dass auch Angestellte ihre Arbeit nach Indien outsourcen könnten. Habe ich doch von dem Fall eines amerikanischen Softwareentwicklers gelesen, der genau das getan hat. Ein Kollege in Indien erledigte all die Aufgaben, für die der Amerikaner eigentlich eingestellt worden war, und das für den halben Preis. Was für ein schönes Leben, sollte man meinen. Aber als er herauskam, reagierte die Firma nicht verständnisvoll. Es gibt ja schon noch sowas wie Arbeitsverträge und Geheimhaltungsklauseln. Aber vielleicht weiß Ferriss das gar nicht.

Vielleicht schreibe ich doch noch das Buch "Die 80-Stunden-Woche und Spaß dabei"!

So viel für heute, muss noch was arbeiten... Kunde wartet auf Ergebnis!

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